Einleitung
Ich beschäftige mich nun schon seit längerer Zeit mit Social Media Plattformen und treffe immer wieder auf User mit astronomisch hohen Follower- oder Kontaktzahlen. Bevor man sich mit dem Thema Social Media im Bereich Marketing beschäftigt, sollte man sich eine Strategie überlegen und wird feststellen, dass auch im Web 2.0 der Spruch „Qualität statt Quantität“ gilt und eine Viral Marketing Kampagne oft effektiver und zeitsparender ist, als viele Verbindungen zu haben, die einem zum großen Teil nicht zuhören.
Von LIONs und anderen Open Networkern
Aus zweierlei Gründen habe ich mich entschlossen auch einen Beitrag zu diesem Thema zu schreiben.
Erstens folgen mir in den letzten Tagen auf Twitter immer mehr Leute mit Accounts vom Typ: Following: 1500, Follower: 300, Updates: 3. Wer sind denn bitte die 300 Leute, die da auch noch folgen? Ok, ab und an mache ich das auch, wenn die Bio in meinem Bereich liegt oder eine geographische Gemeinsamkeit besteht. Jedoch stehen hinter diesen Accounts in der Regel Sales-Leute, die schnell noch auf den Mircoblogging Zug aufspringen wollen und möglichst „16000 Follower in 90 Tagen“ haben wollen. Oft sind die Autoren auch nicht selbst auf den Fotos zu sehen :) Den Account kann man natürlich auf 20000 Follower hoch bringen und dann von BustySarah auf Firma XY umbenennen. Dies wird früher oder später aber sicherlich dem ein oder anderen auffallen.
Zweitens hat sich ein Artikel auf doshdosh kürzlich mit einem ähnlichen Thema beschäftigt. Die Autoren sind der Ansicht, eine große Anzahl von Followern diene nur einem Nutzen und zwar dem Personal Branding.
In meinem Bekanntenkreis, der zum größten Teil aus BWLern besteht, wurde bis vor einem Jahr über Online Netzwerke wie Xing oder Twitter eher geschmunzelt. Dies hat sich mittlerweile geändert. Die einzigen wirklichen Kontakte, die ich vor Jahresfrist bei Xing hatte, waren meine Bekannten selbst und Leute mit denen ich tatsächlich im „wahren Leben“ irgendwie zu tun hatte. Diese Personen würde ich als „enge“ Kontakte bezeichnen und eine solche Auswahl verfolge ich nach wie vor auf den Social Media Plattformen StudiVZ und Facebook.
Im Gegensatz dazu stehen die „entfernten“ Kontakte, sprich Personen, welche man in den Social Networks selbst kennen gelernt hat. Bei dieser Art von Verbindung muss man jedoch noch einmal differenzieren. Ich habe bei Twitter und Xing ein paar sehr nette Menschen getroffen, mit denen ich mich auch ohne zu zögern gerne mal Offline treffen würde und mit denen ich viele Ideen, Links und Informationen austausche. Diese würde ich nicht mehr als entfernte Kontakte beschreiben.
Daneben gibt es einige User bei Xing und eine große Zahl bei Twitter, die einfach in meinen Kontakten als, drastisch gesagt, „Karteileichen“ verweilen. Einmal kurz angeschrieben, vielleicht ein Paar nette Worte ausgetauscht und schon ist man verbunden. Mir stellt sich in den letzten Tagen und Wochen jedoch vermehrt die Frage nach dem Sinn dieser Bekanntschaften. Spezieller könnte man formulieren, was haben Open Networker von ihren Verbindungen? Bei LinkedIn gibt es so genannte LIONs (LinkedIn Open Networkers), die im Prinzip (wahllos) jeden adden, der sie added. Bei Xing gibt es eine derartige Bezeichnung nicht, würde dann aber etwa XONs entsprechen.
Ich habe mich mal in der Xing Gruppe „Kontakt“ angemeldet um dem Wert von “entfernten” Kontakten auf den Grund zu gehen. Auf neue Anfragen mit kurzem „Hallo, ich bin XY und meine Homepage findest du unter: www.xy.de“ musste man nicht lange warten. Trotzdem ist dies keine Salesplattform. Die meisten Gruppenmitglieder haben schlichtweg Spaß daran neue und interessante Menschen kennen zu lernen. Ich hatte innerhalb von 2 Stunden 20 Anfragen und habe die Gruppe dann wieder verlassen, da es mir da schon zu viel Aufwand wurde, die ganzen Mails zu beantworten.
Open Networker haben eine andere persönliche Social Media Optimization/ Personal Branding Strategie gewählt als die meisten von uns. Trotzdem kenne ich viele Fälle in denen es durchaus Sinn macht ein Open Networker auf Social Business Plattformen zu sein. Als ich einige der LIONs und XONs nach dem persönlichen oder geschäftlichen Nutzen von vielen Onlinekontakten befragte, hörte ich zahlreiche interessante Beispiele, wie ein großes Netzwerk die Geschäftstätigkeit positiv beeinflussen kann. Ich hatte ja schon mal über einen Fall geschrieben, wie durch offene Anschreiben in der Xing Statusmeldung bei einem großen Netzwerk Sales generiert werden können. Man darf jedoch nicht aus den Augen verlieren, dass es sich hier um ein Social Business Network handelt.
Beim Microblogging, wo Millionen von Usern ihre Updates ins WWW rufen werden Produkte deutlich schwerer zu vermarkten sein. An Business Netzwerke gehen die Nutzer generell anders heran, da es sich definitionsgemäß um seriösere Plattformen handelt. Dort ist es damit auch eher möglich Neukunden für sein Geschäft zu finden. So jedenfalls meine logische Überlegung. Dass auch via Microblogging viele Geschäfte generiert werden, ist bei Jaiku, Identi.ca, Plurk und Twitter wohl kaum zu übersehen. Sales tendenziell schwerer, aber eine Traffic-Steigerung auf der eigenen Website ist sehr leicht zu erreichen. In welchem Umfang auch Verkäufe möglich sind, scheint von mehreren Faktoren wie Branche, Bekanntheitsgrad oder Produkt des Unternehmens abhängig zu sein.
Eine Social Media Strategie festlegen
Kann man mit Social Media Marketing Kontakte zu Kunden meines Unternehmens umwandeln? Will ich das überhaupt? Oder verfolge ich bei der Nutzung von derartigen Plattformen gänzlich andere Ziele?
Egal wie und wofür man Social Media nutzt, das vorherige Festlegen einer persönlichen Strategie halte ich für essentiell. Dies ist leicht für mich zu sagen, denn ich habe mich selbst einfach erstmal vom Web2.0 treiben lassen und wollte sehen, wo die Reise hingeht. Bevor ich begriffen hatte, dass mir eine Zahl von 80000 Followern bei Twitter nicht so viel bringen würde wie ich ursprünglich dachte, hatte ich schon einige hundert Personen (zumeist aus den USA), die meinen geistlichen Ergüssen folgten. Und genau dort liegt das Problem: Wenn man denkt, diese Follower lesen fleißig die Updates der anderen, ist man bei 98% (meine Einschätzung) seiner Folger im Irrglauben. Es sei denn man hat von Anfang an seine Kontakte sorgfältig ausgewählt und pflegt diese.
Twitter besteht nur aus Marketern, Verkäufern, Recruitern und Online Shops. Diese sehr drastische These ist nicht natürlich nicht ganz ernst zu nehmen, es entsteht in den letzten Tagen leider für mich ein wenig dieser Eindruck. Dass sich diese User nicht für meine Erlebnisse in Thailand oder für meine eingestellten Links interessieren, ist mir als Marketer selbst klar. Ich mache es ja eigentlich genauso. Nur bei rund 5%, also rund 50 Leuten, verfolge ich aktiv die Nachrichten.
Warum haben einige Twitter User diese Follower Zahlen? Es entsteht anscheinend ein höherer Marktwert auf der Plattform. Bei Magpie, einem Tool zur Werbung auf Twitter kann man mit Werbetweets über den eigenen Account Geld verdienen. Profi-Sportler Lance Armstrong könnte somit über 40000€ Monat verdienen. Ich nur um die 100€ ;). Eine solche Werbefunktion gibt es bei Xing nicht und so bleibt das Social Business Network eine zumeist auf „engen“ Kontakten basierende Plattform.
Anfangs habe ich bei Twitter fast jeden geadded, der mir gefolgt ist und war damit im Prinzip ein Open Networker. Daher wollte ich meine Strategie überarbeiten und habe seither versucht möglichst Kontakte aus dem deutschsprachigen und dem asiatischen Raum zu finden. Ich habe mal meine Follower nach Herkunft sortiert und dabei sind folgende Zahlen herausgekommen:
Gesamtzahl Follower: 1152
Davon kommen
693 aus Nordamerika (USA; Kanada),
268 aus dem deutschsprachigen Raum (Deutschland, Schweiz, Österreich) und
191 aus allen weiteren Ländern (davon ein großer Teil aus Großbritannien, Malaysia und Australien).
Das Ziel meiner Ausrichtung auf den deutschsprachigen Raum ist neben interessanten privaten Kontakten und neuen Ideen im Online Marketing, auch mein Blog bekannter zu machen. Ich kann sagen, ich habe im Web 2.0 einige sehr interessante Menschen getroffen habe, die alleine mein Engagement auf Social Media Plattformen rechtfertigen. Die meisten neuen Ideen für das eigene Unternehmensmarketing konnte ich im Ideenaustausch mit diesen Personen gewinnen. Einige von ihnen lesen auch gerne dieses Blog und so werden die Einträge auf „natürliche“ Weise verbreitet, ohne, dass ich einen neuen Post 10 Mal selber tweete und bei den Social Bookmark Seiten einstelle.
Viral Marketing im Web 2.0 (Word-of-Mouse)
Für mich steht fest, dass sich auch im Microblogging die alte Weisheit „Qualität statt Quantität“ bewahrheitet. Es gibt da ein schönes Beispiel vom Harry Potter Theme Park im Universal Orlando Resort in Florida. Um dieses Projekt in die öffentliche Wahrnehmung zu bringen hätte man Werbungen schalten können oder man nutzt, wie geschehen, Viral Marketing. Es wurden lediglich 7 Personen benachrichtigt, die durch ihre Kontakte und Plattformen geschätzt 350 Millionen schnell und effektiv erreicht haben. Dies soll die Wichtigkeit des Word-of-Mouth, und in diesem Fall auch einem großen Anteil an Word-of-Mouse, illustrieren.
Dies lässt sich auch wunderbar auf Microblogging übertragen. Ein paar ausgewählte Freunde haben, die Updates retweeten und so wichtige News verbreiten, ist aus meiner Sicht die beste Strategie. Natürlich wird keiner von ihnen tweeten, dass ich heute beim Kitesurfen war oder, dass es auf Samui kleine Hunde regnet. Aber falls ich einen guten neuen Blog Eintrag habe oder unsere Firma ein ansprechendes, neues Angebot hat, dann brauche ich diese Follower nicht einmal darum bitten mir zu helfen, sie tun es einfach, weil ich es auch für sie tue.
Eine solche Viral Marketing Strategie ist aus meiner Sicht auch viel glaubwürdiger als jemand, der 50000 Folger hat und 100 Updates am Tag mit ReTweets hat. Ob erstere Strategie effektiver ist, oder ob das „Gesetz der großen Zahlen“ gilt, ist fraglich und hiermit zur Diskussion freigegeben.
Fazit
Kontakte bzw. Follower zu haben macht in der Regel nur Sinn, wenn man enge Beziehungen zu diesen pflegt. Nur so können sinnvolle und nachhaltige Synergien entstehen. Man erhöht seinen „Marktwert“ mit vielen Follower zwar schon, aber auf „weichem Fundament gebaut“. Beide beschriebenen Ansätze haben Vor- und Nachteile. Die Entscheidung muss jeder selbst treffen und in jedem Fall sollte allen Social Media Aktivitäten eine Strategie zu Grunde liegen.


Wirklich ein interessanter Artikel der zu kontroversen Disskusion anregt, was für jeden die persönlich richtige Social-Marketing bzw. Twitter-Follower-Strategie ist.
Wie so oft, liegt die Wahrheit meiner Meinung nach in der Mitte und jeder Twitter-Zser darf sich genau Gedanken machen, was er mit Twitter erreichen will, und wie er twitter überhaupt für sich nutzen möchte. Denn Nutzungsmöglichkeiten bietet uns Twitter wahrlich zu hauf!
Twitterne Grüße vom @TwittCoach
Hi Markus,
klasse Artikel, sehr ausführlich und erhellend. – Ich stimme vollkommen mit Dir überein: Qualität statt Quantität. “Masse” ist Ausdruck von Inflation; und zwar sowohl das Schielen auf die Masse an Kontakten als auch die Unmengen an Tweets, die die meisten Kontaktesammler loslassen: führt zu rein gar nix.
Und auch in Sachen vorher zu überlegender Strategie stimme ich völlig mit Dir überein. Ohne ist alles nur ein Versuch, der zu keinen nachhaltigen und wertvollen Ergebnissen führt. Solche eher hilflosen Social Media Experimente verebben rasch wieder.
Schöne Grüße aus Berlin,
KDK
Der Artikel spricht mir aus der Seele. Ich hab’ die Lern- und Experimentierphase noch nicht abgeschlossen, aber eins war mir sofort klar.:
Jemand mag zwar zig-tausend Followers haben, das ist ganz ok, wenn dieser jemand prominent ist, oder Mega-Content liefert.
Doch einer Zahl von x-hundert Menschen folgen, das ist in jedem Fall dubios. Ich hab’ mich entschieden, immer nur einer überschaubaren Zahl von Leuten zu folgen – alles andere ist total unglaubwürdig.
Ich finde den Artikel auch interessant und schließe mich da Herrn Berns an. Die Wahrheit liegt m.E. auch in der Mitte. Wie richtig gesagt, es kommt immer darauf an, was man damit vor hat. Der ursprüngliche Sinn sozialer Plattformen ist ja der Austausch und nicht Marketing. Aber das ist mittlerweile nicht mehr zu trennen. Also kommt es auf die Inhalte an, die verbreitet werden. Eben nicht nur platte Werbung, sondern Nutzwert.
Ich war anfangs auch skeptisch über Leute, die Tausende Followers hatten, weil ich eher zielgruppenorientiert arbeite. Andererseits macht es für mich gar keinen Sinn, in Onlinenetzwerken nur Menschen zu verfolgen, die ich persönlich kenne. Warum ruf ich die nicht an oder besuche sie? Dazu brauche ich keine Onlineplattform. Der Sinn besteht für mich darin, online Menschen zu erreichen, die ich im wahren Leben aufgrund der Entfernungen nie kennen gelernt hätte. Und als Direktmarketer sehe ich es eher als sinnvoll an, viele Kontakte zu haben, die man ja bei Twitter automatisch durch seine Tweets pflegt. Denn wenn man es als Marketinginstrument nutzt, kommt man um Masse (leider) nicht herum.
Aber selbst da kann man auf Zielgruppen achten durch die Keywordsuche. Und es kommt ziemlich schnell der Zeitpunkt, wo eine Kontaktpflege per Hand für einen hauptberuflichen Unternehmer nicht mehr möglich ist. Sobald der Autopilot angeschaltet ist, wird es eine Spur unpersönlicher und unkontrollierbarer. Muss aber kein Nachteil sein, wie ich inzwischen einsehen musste. Man lernt eben nie aus, solange man offen auf solche neuen Dinge zugeht.
Es ist sicher gut, am Anfang als “Auster” zu starten und erstmal die Leute und Gepflogenheiten auf der Party zu studieren. Aber wenn man mitfeiern will, geht es nur durch sehen und gesehen werden ;-))
Fröhliches und erfolgreiches Twittern!
Ich kann mit dem gesagten gerne anschließen. Auch ich möchte lieber ein paar hundert interessante Kontakte haben, mit denen ich mich – über was auch immer, sei es Xing oder Twitter – austausche. Bei Xing halte ich es sogar so, dass ich nur Personen als Kontakt aufnehme, mit denen ich “wirklich” (real life) Kontakt hatte. Oder aber, mit denen ich so intensiv maile oder telefoniere, dass es dadurch wirkliche Kontakte werde. Und einmal im Jahr wird der große Besen ausgepackt und ich gehe meine Liste durch und schmeiße jeden raus, mit dem ich im vergangenen Jahr keinen Kontakt mehr hatte.
Der grundsätzliche Ansatz dieses Artikels findet meine Zustimmung. Aber mir werden da doch zu sehr Äpfel und Birnen zusammengeschmissen. Quasi in einem Atemzug Twitter und Xing zu erwähnen und vergleichen, halte ich für… diskussionsorientiert. ;-)
Xing verfolgt aus meiner Sicht einfach eine ganz andere Art von zielgerichtetem Networking mit viel mehr Nähe zum Real Life.
Die Natur von Twitter ist eher die eines Global-Chats, in der die Menschen gerne auch mal Alter Egos erfinden. Alle sind mehrere und kommunizieren vieles.
Weshalb ich auch glaube, das bei Twitter immer Quantität vor Qualität gehen wird.